Die Idee klingt einfach: eine Arbeitsstunde weniger pro Tag oder ein ganzer Tag frei, bei vollem Gehaltsausgleich. Was lange nach Wunschdenken klang, wird inzwischen in großangelegten, wissenschaftlich begleiteten Pilotprojekten getestet – mit Ergebnissen, die differenzierter ausfallen, als es die oft euphorischen Schlagzeilen vermuten lassen.

Das britische Pilotprojekt

Eines der größten Experimente fand 2022 in Großbritannien statt: Über 60 Unternehmen aus verschiedenen Branchen testeten sechs Monate lang eine Vier-Tage-Woche bei vollem Lohn, begleitet von Forschungsteams der University of Cambridge und Boston College. Das Ergebnis: Die überwiegende Mehrheit der beteiligten Unternehmen behielt das Modell nach Ablauf der Testphase bei. Gemessen wurden unter anderem sinkende Kündigungsraten, weniger krankheitsbedingte Fehltage und ein weitgehend stabiler oder sogar leicht gestiegener Umsatz.

Island als Vorreiter

Bereits zwischen 2015 und 2019 hatte Island in großem Maßstab mit verkürzten Arbeitszeiten bei öffentlichen Angestellten experimentiert. Die begleitende Auswertung zeigte eine spürbare Verbesserung des berichteten Wohlbefindens der Beschäftigten, bei gleichbleibender oder in einigen Bereichen sogar gestiegener Produktivität. Die isländischen Ergebnisse gelten heute als eine der Grundlagen, auf die sich spätere Pilotprojekte in anderen Ländern beriefen.

Warum die Produktivität oft stabil bleibt

Ein zentraler Befund vieler Studien: Weniger Arbeitsstunden führen nicht automatisch zu weniger Output. Häufig verdichten Beschäftigte ihre Arbeitszeit – weniger Ablenkung, weniger unproduktive Besprechungen, fokussierteres Arbeiten. Erholung spielt ebenfalls eine Rolle: Ausgeruhtere Mitarbeitende berichten von höherer Konzentrationsfähigkeit, weniger Fehlern und geringerer emotionaler Erschöpfung – Faktoren, die sich langfristig auf die Produktivität auswirken.

Wo das Modell an Grenzen stößt

Nicht jede Branche eignet sich gleichermaßen. In Bereichen mit direktem Kundenkontakt, Schichtarbeit oder Personalmangel – etwa in Pflege, Gastronomie oder Einzelhandel – lässt sich eine Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnverzicht deutlich schwerer umsetzen, weil die Arbeit selbst nicht komprimierbar ist. Kritiker weisen zudem darauf hin, dass die bisherigen Pilotprojekte überwiegend auf freiwilliger Teilnahme motivierter Unternehmen beruhten – ein möglicher Verzerrungsfaktor, der sich bei einer verpflichtenden, branchenübergreifenden Einführung nicht ohne Weiteres wiederholen lässt.

Der aktuelle Stand: In Deutschland testen einzelne Unternehmen und Branchenverbände das Modell in eigenen, kleineren Pilotprojekten. Eine flächendeckende gesetzliche Regelung existiert bislang nicht – die Diskussion darüber wird jedoch zunehmend ernsthaft geführt.

Ein Modell mit Potenzial, aber ohne Universallösung

Die vorliegenden Daten sprechen insgesamt für positive Effekte auf Wohlbefinden und teils auch Produktivität – zumindest in geeigneten Branchen und bei durchdachter Umsetzung. Ob sich die Vier-Tage-Woche als branchenübergreifender Standard etabliert, hängt jedoch stark davon ab, wie gut sich das Modell an die strukturellen Besonderheiten unterschiedlicher Berufsfelder anpassen lässt.